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Was ist gute Architektur?

Eine Antwort auf diese Frage gibt künftig der Badische Architekturpreis, initiiert von Jürgen Grossmann und Schirmherr Frank Scherer

Architektur ist etwas wundervolles. Sie berührt die Menschen, stiftet Identifikation, gibt Heimat. Und es lässt sich herrlich darüber diskutieren. Was ist gut? Und woran muss man sich erst gewöhnen? All das sind Themen, die bei der Entwicklung des Badischen Architekturpreises (dem badap) eine Rolle gespielt haben. Der Wettbewerb soll das Bewusstsein für Architektur und Formgebung schärfen, er soll zum Nachdenken anregen und inspirieren. Initiiert und dotiert hat Jürgen Grossmann den badap, der Landrat des Ortenaukreises, Frank Scherer, ist Schirmherr. Dass wir die beiden in Sachen Architekturpreis und Details gleich zum Interview gebeten haben – das versteht sich fast von selbst …

Ein Preis für gute Architektur in der Region – welche Idee steckt dahinter?
Jürgen Grossmann: Unser Antrieb ist es, die Architektur in der Öffentlichkeit weiter nach vorne zu bringen und damit auch unsere Region.

Aber gibt es so etwas nicht schon?
Grossmann: Nicht in der Form, wie wir es aufziehen werden. An den gängigen Architekturpreisen stört mich, dass sich irgendwelche Gruppierungen mit Fachjurys die Bälle untereinender immer wieder hin- und herwerfen. Man weiß eigentlich schon, wer gewinnt. Wir wollen diese Entscheidungen auf eine breitere Basis stellen und demokratischer vorgehen. Architektur betrifft jeden, Architektur sieht jeder – warum also soll nicht auch jeder seine Meinung sagen dürfen? Deshalb kann und soll bei uns wirklich jeder Projekte einreichen, die
ihm oder ihr gefallen, und am Ende auch mit darüber abstimmen, wer einen Preis bekommt.

Als Jürgen Grossmann mit dieser Idee auf Sie zukam, lieber Herr Scherer: Was hat sie überzeugt, Schirmherr zu werden?
Frank Scherer: Der demokratische Ansatz. Dass wir hier einen Preis haben, der nicht ausschließlich von einer Jury vergeben wird. Zudem finde ich es grundsätzlich wichtig, dass Architekturpreise vergeben werden. Unsere Landschaft und unsere Natur sind die Gesichter, Architektur wirkt darin wie Gesichtszüge, die unserem Lebensraum zusätzlich Ausdruck verleihen. Deshalb tun wir gut daran, zu guter Architektur zu motivieren. Einen Architekturpreis, über den auch Betrachter und Nutzer entscheiden, finde ich wunderbar.

Herr Scherer – wie würden Sie gute Architektur für sich definieren?
Scherer: Für mich ist es eine Symbiose aus Funktionalität und Ästhetik. Es gibt Architekten, die betonen die Funktionalität, andere die Ästhetik. Doch erst, wenn daraus eine gelungene Symbiose entsteht, ist es für mich gute Architektur. Architekten und Innenarchitekten sind aus meiner Sicht Dienstleister, die dafür Sorge tragen müssen, dass die Gesichtszüge gefallen – um in dem Bild von vorhin zu bleiben. Auch deshalb finde ich den Ansatz gut, die Bevölkerung mit abstimmen zu lassen, um zu bewerten, ob ein Gebäude gelungen ist oder nicht.

Sie sind als Landrat ja auch selbst des Öfteren Bauherr …
Scherer: Völlig richtig. Und das lehrt einen: Auch wenn man verpflichtet ist, sparsam und wirtschaftlich zu bauen, kann man gute Architektur realisieren.

Zurück zum Preis: Wie funktioniert eine Bewerbung? Wer kann mitmachen?
Grossmann: Mir ist es ganz wichtig, dass jeder, der irgendwo ein Gebäude sieht und sagt ,Mensch, das ist toll, das sollte einen Preis bekommen’, das Gebäude einreichen kann. Unsere Aufforderung geht explizit an jeden Menschen da draußen: Halten Sie die Augen offen! Gefällt Ihnen das neue Rathaus? Der Laden eines Freundes? Haben Sie als Bauunternehmer oder Handwerker an einem tollen Projekt mitgearbeitet? Aber auch, wenn Sie finden, dass Ihr Firmengebäude, Ihr Privat- oder auch Ihr Baumhaus preiswürdig ist – machen Sie Fotos und reichen Sie es ein! Und natürlich: Sind Sie Architekt und finden, eines Ihrer Gebäude sollte den Badischen Architekturpreis bekommen? Dann reichen Sie es ein.

Gibt es so etwas wie Kategorien?
Grossmann: Im ersten Jahr wird es mindestens vier Kategorien geben: eine für den Industriebau und öffentliche Gebäude. Eine zweite für private Bauwerke – ob Gartenhaus, Villa oder Mehrfamilienhaus. Die dritte Kategorie ist Interior Design. Mir ist es ganz wichtig, dass es in allen Kategorien keine Einschränkungen
gibt – außer einer: Das Bau- oder Umbaujahr der Gebäude sollte in diesem Jahrtausend sein, also nach dem Jahr 2000. Außerdem werden wir einen Sonderpreis ausloben – das Thema wird grenzüberschreitende Architektur zwischen Deutschland und Frankreich sein.

Wie funktioniert die Bewerbung technisch?
Grossmann: Einfach über unsere Homepage www.badap.de. Dort klickt man auf die entsprechende Rubrik und los geht’s. Alles andere ist selbsterklärend. Man muss nicht viel mehr machen, als aufzuschreiben, warum dieses Gebäude den Preis verdient hat. Dann können Sie noch bis zu zwölf Bilder hochladen und schon ist die Bewerbung fertig. Wir prüfen dann, ob alle nötigen Informationen vorliegen und plausibel sind – im Anschluss wird das Projekt online gestellt. Bewerbungsschluss wird im Februar 2019 sein.

Und dann kann die Welt abstimmen?
Grossmann: Im Prinzip ja. Es wird eine Jury geben, die die Bewerbungen filtert, und eine Shortlist erstellt. Diese Liste stellen wir im März 2019 online und dann startet die demokratische Abstimmung. Ab diesem Zeitpunkt liegt das Schicksal nicht mehr in unserer Hand. Die Menschen entscheiden, wer Preisträger wird.

Herr Grossmann, können auch Gebäude von Ihnen eingereicht werden?
Grossmann: Nein, unsere Projekte sind natürlich vom Wettbewerb ausgeschlossen. Das hätte einen komischen Beigeschmack.

Denken Sie denn, dass jedermann bewerten kann, ob Architektur preisverdächtig ist?
Grossmann:
Ja, absolut, davon bin ich überzeugt! Zudem macht es das auch spannend und einzigartig – sonst wäre unser Preis ja wieder einer wie alle anderen, bei denen man im Grunde schon vorher weiß, wer gewinnt.

Was bekommen die Gewinner?
Grossmann: Die Preise sind jeweils mit 2000 Euro dotiert, und wir werden zusammen mit namhaften Sponsoren aus der Region eine Gala ausrichten. Ich freue mich sehr, dass unsere Initiative von Duravit, Hansgrohe, Caparol, USM , Alsecco und Freyler unterstützt wird. Gut möglich auch, dass diese Liste noch ein
bisschen länger wird.
Scherer: Wichtig finde ich schon im ersten Schritt die Anerkennung der Arbeiten. Allein, dass man vorgeschlagen wird und ein Forum bekommt, ist doch toll. Deshalb wird der Preis am Ende auch den Architekten verliehen. Und wenn das der Vater ist, der mit seinem Sohn zusammen ein Baumhaus entworfen und gebaut hat – dann eben diesen beiden. Denn es ist in ganz großem Maße die Architektur, die unsere Landschaft und unseren Lebensraum prägt.

Möglicherweise gewinnt ein Objekt, das Ihnen nicht gefällt. Können Sie damit leben?
Scherer:
Natürlich. Ich bin Demokrat und da ist es schon öfter vorgekommen, dass Entscheidungen gefällt  wurden, die ich persönlich vielleicht anders getroffen hätte. Das gilt erst recht bei Geschmacksfragen. Grossmann: Ich habe gerade eine Diskussion angestoßen, weil in meiner Heimatstadt ein Gebäude an die Hauptstraße gestellt wurde, das ich persönlich absolut hässlich finde. Viele Menschen waren anderer Meinung – was mich erstaunt hat. Aber: Wenn du frei bist von architektonischen Kenntnissen, wenn du noch nie von Harmonie, Symmetrie oder Rhythmus gehört hast, bleibt es eine persönliche Geschmacksfrage. Aber man ist natürlich in der Betrachtungsweise und seinem Urteil auch freier. Das macht unseren Preis so spannend! Wenn am Ende dieses Haus gewinnt, schmerzt mich das, aber das halte ich dann auch aus.

Am 14. September 2019 wird es eine Preiverleihung geben. Wie wird die aussehen?
Grossmann: Das wird ein sehr schönes, würdiges Event im dann frisch fertiggestellten Forum am Rhein. Wir planen eine festliche Preisverleihung mit Gala, rotem Teppich, mit viel Musik und Showeinlagen, mit großem Menü und mit Markus Knoll als Moderator. Übrigens: Die Tickets kosten 95 Euro und man kann sie auf unserer Homepage ab sofort reservieren – sogar mit einem interessanten Frühbucherrabatt! Ich finde: Das darf man sich nicht entgehen lassen!