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MARCHIVUM - Vom Bunker zum Institut für Stadtgeschichte

Baujahr: 2018 Architekt: Schmucker und Partner Planungsgesellschaft mbH, Mannheim Ort: 68169 Mannheim
Vom Ochsenpferchbunker zum MARCHIVUM / Auszug der Festschrift vom 17.03.2018, Architekt Peter Schmucker Heute liegt der öffentliche Focus in erster Linie auf Neubauten. Gesellschaftliche Wahrnehmung, aber auch Förderungen und Bauordnungen beschränken sich ebenfalls in erster Linie auf deren Errichtung. Eine Haltung, die weder wirtschaftlich noch energetisch sinnvoll ist und den unterschiedlichen Qualitäten unseres Gebäudebestands nicht gerecht wird. Nun macht eine Umgestaltung meist nur bei geringen Eingriffen in den Bestand wirklich Sinn, gerade bei solch widerspenstigen Strukturen wie einem Hochbunker, aber welche Weiternutzung bietet sich schon für einen solchen Typus an? Natürlich lässt sich mit erheblichen Eingriffen jedes beliebige Nutzungsprofil auch in eine scheinbar ungeeignete Immobilie pressen. Beispiele gibt es hierfür genug und Fenster lassen sich mit entsprechendem Aufwand auch in eine Bunkerwand schneiden. Eine ideale Wiederverwendung sieht jedoch anders aus. Das Büro Schmucker hat in den letzten Jahren mit Projekten wie dem Speicher 7 oder der Alten Brauerei eine besondere Expertise bei derartigen Projekten erworben und dabei erkannt, dass die sinnvolle Weiternutzung nur bei einem Erkennen der Potenziale des einzelnen Gebäudes gelingen kann. Wir planen mit den Gebäuden, nicht gegen sie, lesen und denken uns in sie hinein, um sie mit Hilfe unseres architektonischen Baukastens zukunftsfähig zu machen. Aus heutiger Sicht ist die Umnutzung des Ochsenpferchbunkers zum MARCHIVUM absolut naheliegend. Der Bunker war in den vergangenen Jahren in einem guten Zustand gehalten worden, die Qualitäten der großen thermischen Masse hatten sich bereits bei der Nutzung als Lager gezeigt: Die raumklimatische Konstanz, die wichtigste Eigenschaft eines Stadtarchivs, erreicht das massive Gebäude schon ohne aufwändige und energieintensive Technik. Das Thema Sicherheit ist eine weitere positive Grundeigenschaft dieses Bauwerks: Man kann sich kaum ein Szenario vorstellen, bei dem das Archivgut nicht optimal verwahrt ist - das Gedächtnis der Stadt wird heute ebenso gut geschützt, wie die damals Schutzsuchenden des zweiten Weltkriegs. Von dieser Erkenntnis bis zum heutigen MARCHIVUM war es allerdings ein weiter Weg: Erste Konzepte wurden entwickelt, um Nutzer und Stadtverwaltung, Bürgermeister und Gemeinderäte für das Projekt zu gewinnen und es gelang, die Entscheidungsträger für das künftige Stadtarchiv in diesem städtebaulich doch sehr schwierigen Umfeld zu begeistern. Die Problematik am Standort wurde dabei nicht negiert, sondern als Chance betrachtet. Das gesellschaftliche Engagement an genau dieser Stelle ist für die Neckarstadt West von großer Bedeutung und tritt negativen Entwicklungen im Stadtteil baulich aber auch durch die der Bildung verpflichteten Nutzung entgegen. Die Begeisterung hat erfreulicherweise bis heute angehalten, sie wurde aber gerade zu Beginn auf eine harte Probe gestellt, da es im Vorfeld schwierigste Verhandlungen gab, die elementar für die geplante Umnutzung waren und die ohne das große Engagement von Nutzer und Bauherr wohl nicht erfolgreich verlaufen wären, ein außergewöhnliches Engagement, das uns die gesamte Planungs- und Bauzeit begleitet hat und die mir in meinem beruflichen Schaffen so noch nie begegnet ist. Die Mannheimer Bunker stehen gänzlich unter Denkmalschutz, dem Ochsenpferchbunker wurde und wird dabei höchste Bedeutung bescheinigt. Allein, die Meinungen, wie mit dem historischen Erbe umzugehen sei, gingen weit auseinander. Die Denkmalpflege lehnte zunächst jede Veränderung der Gebäudehülle ab, was nach unserem Dafürhalten nicht dem Geist des Denkmalschutzgedankens entspricht und von dieser in der Regel auch anders vertreten wird: „Weitere Aufgaben sind die Erhaltung der Denkmale in ihrer originalen Substanz und ihre Nutzung. Es geht nicht darum, die Denkmale in Museen umzuwandeln. Vielmehr sollen sie möglichst in ihrem Umfeld erhalten und genutzt werden. Das gilt nicht nur für Kirchen, Klöster und Schlösser, sondern vor allem für Wohnhäuser, Bauernhöfe, Handwerksgebäude, Industrieanlagen und militärische Liegenschaften. Kann keine sinnvolle Nutzung erreicht werden, wird es vielfach nicht gelingen, ein Denkmal auf Dauer zu erhalten. Doch findet die Denkmalpflege im Zusammenwirken mit Sponsoren, Architekten und Restauratoren immer wieder Lösungen zum Erhalt und zur Nutzung, und zwar bei vertretbaren Eingriffen in die Denkmalsubstanz.“ (Zitat „Auftrag der Denkmalpflege“) Was hatten wir anderes im Sinn? Wir hatten eine ideale, respektvolle und mit kleinen Eingriffen zu erreichende Umnutzung vorgestellt und dennoch kein Gehör gefunden. So machte sich eine Delegation aus Vertretern der Stadt und des Architekten auf, um die Leitung der Landesdenkmalpflege in Karlsruhe von der Sinnhaftigkeit unseres Unterfangens zu überzeugen. Nach langen Verhandlungen wurde eine Lösung gefunden, die meines Erachtens als beispielhaft gelten darf und der sich heute sicher auch die Vertreter der Denkmalpflege guten Gewissens anschließen können. Eingriffe in den Bestand wurden minimiert, die beiden aufgesetzten neuen Etagen setzen sich, wie auch die Einbauten im Innern, deutlich vom nationalsozialistischen Erbe ab, sind zumindest theoretisch reversibel. Diese Kontraste wurden exakt herausgearbeitet. Sie waren der Leitfaden, der für den gesamten Entwurf die Grundlage bildete. Nur ein ehrlicher Umgang mit der baulichen Historie und ein klares Absetzen der neuen Gebäudeteile ermöglichen die heute erlebbare Qualität. Ein Gefüge mit eigenem Charakter, der sich so bei einem reinen Neubau niemals zeigen würde. Eine richtige Konzeption kann deutliche Kosteneinsparungen gegenüber einem Neubau erreichen – und dies bei höchster architektonischer Qualität. Abriss und Neubau wären hier aber ohnehin nicht möglich gewesen. Die Alternative für sie Stadt wäre, ohne sinnvolle Weiternutzung, eine zum Leerstand verdammte Immobilie und ein teurer Neubau auf der grünen Wiese gewesen. Dies konnte von uns derart anschaulich dargelegt werden, dass der Gemeinderat zu einem einstimmigen Ergebnis pro MARCHIVUM kommen konnte, der sich auch der Bund mit einer bis dato einmaligen Förderhöhe des Programms „Nationale Projekte des Städtebaus“ anschließen konnte. Die Richtigkeit der städtischen Entscheidung wird damit in Gänze bestätigt und da das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen abgeschlossen werden konnte, können wir an dieser Stelle die These widerlegen, dass öffentliche Bauten niemals den finanziellen Vorgaben genügen. Der architektonische Grundgedanke, auf den Bunker eine lichte, helle Konstruktion aufzusetzen und dabei alle Anforderungen an einen optimalen Arbeitsplatz hinsichtlich Energetik, Belichtung, Schallschutz usw. zu erreichen, machten eine recht aufwendige Fassadenkonstruktion nötig. Die Vision eines homogenen Baukörpers sollte dabei nicht durch störende Elemente wie Sonnenschutz oder Versprünge beeinträchtigt werden. Der heute sichtbare Fassadenaufbau ist mehrschalig: Die äußere Prallscheibe ist hinterlüftet und zum Teil bedruckt. Diese erreicht zum einen den gewünschten optischen Effekt, ermöglicht aber zum anderen, die Fenster ohne hohe Schallbelästigung durch den vorbeifließenden Verkehr zu öffnen und den Sonnenschutz auch bei höchsten Windgeschwindigkeiten verlässlich steuern zu können. Ein temporäres Verschatten ist für die Arbeit des Archivs unerlässlich, ein natürliches Lüften erhöht auch bei einer mechanischen Lüftung die Nutzerakzeptanz. Die in groben Pixeln dargestellten Wolken auf der Fassade überspielen dabei transparente und opake Flächen-Einbauten und reduzieren die Aufheizung des Scheibenzwischenraums am Tag. Nachts sind sie elementarer Bestandteil des Lichtkonzepts, das aus einer Kombination von direkter wie indirekter Be- und Ausleuchtung besteht. Die Nachtwirkung wurde von uns von Beginn an paritätisch behandelt. Die Nachhaltigkeit des Nutzungskonzepts hinsichtlich der grauen Masse sollte auch in der technischen Ausstattung ihre Entsprechung finden. Mit dem Wärmetauscher im Hauptabwasserkanal verfügt das MARCHIVUM über grüne Referenztechnik, die der Eigenbetrieb Stadtentwässerung mit diesem Baustein weiter vorantreibt. In Kombination mit der Nutzung der Fernwärme konnte hier eine funktional hervorragende, ökologische wie wirtschaftliche Lösung entwickelt werden. Das Stadtarchiv hatte uns früh mit historischen Entwurfszeichnungen versorgt. Hier wurde ersichtlich, dass die Erbauer dezidierte Vorstellungen zur Weiternutzung nach dem Krieg entwickelt hatten. Fassadenbänder sollten als Auflager für eine Steinverkleidung dienen, um das Gebäude in eine steinerne Ordensburg zu verwandeln. Diese Planungen aus dem „1000jährigen Reich“ wurden von uns nicht umgesetzt. Der sperrende Anstrich wurde entfernt, um die Außenwände wieder atmen lassen zu können. Unter der Beschichtung aus den 80er Jahren hatten sich durch auffrierende Staunässe Schäden am Beton gezeigt. Der neue Anstrich auf Silikatbasis ist diffusionsoffen und kommt in seiner Farbgebung dem Original wieder deutlich näher. In Kombination ergibt sich ein sauber ablesbarer Kontrast aus massivem Unterbau und betont leichtem Neubau. Wenn heute der Besucher im 6.OG ankommt, erlebt er diesen Schnitt auch im Innern: Während im Eingangsbereich immer noch authentische Bunkeratmosphäre vorhanden ist, hier kombiniert mit zeitgenössischen Einbauten für den Museumsbetrieb, herrscht in den neuen Etagen eine transparente, helle Atmosphäre, die Ausblicke über die Stadt und weiter in die gesamte Region ermöglicht. Diese Transparenz ist entscheidend für das MARCHIVUM und die Wahrnehmung der vielen Pendler, die dieses große Haus trotz seiner prominenten Lage erst jetzt in seiner Bedeutung wahrnehmen. Ich bin mir sicher, dass damit an dieser Stelle eine Wegmarke, ein Torgebäude entsteht, welches das Selbstverständnis, aber auch die Innovationskraft unserer Stadt über die Region hinaus transportieren wird.

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